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Im Rahmen des Jahresprogrammes „Daheim im Odenwald“ hatte der Heimat- und Verkehrsverein Mudau eine dreistündigen Exkursion, Teil I zu einem der verschwundenen Dörfer, nämlich Ferdinandsdorf und zum Felsenhaus, dem Unterschlupf der Hölzerlipsbande, angeboten. Es waren wesentlich mehr Interessenten gekommen als erwartet, wie der Vorsitzende Hans Slama erfreut feststellen konnte.
Seinen Erläuterungen während der Führung, welche Günter Friedel organisiert hatte, war zu entnehmen, dass erst im Rahmen der Gebietsreform im Jahre 1976 die Riedsmühle, seinerzeit auf der Gemarkung Mülben liegend, und zwei Wohnhäuser auf der Gemarkung der Stadt Eberbach, zum Reisenbacher Grund kamen, und damit zur Gemeinde Mudau. Ehemals war nur die rechte Bachseite kurmainzisch und linksseitig Ausland, nämlich kurpfälzisch. Der mainzische Teil des Reisenbacher Grundes dürfte im 15. Jhd. gerodet und auch mit einer für den Odenwald lebensnotwendigen Mühle besiedelt worden sein. Um 1600 wagte ein Bauer und Müller namens Ried den Sprung über den Bach. Seine politische Heimat wurde die Waldgemarkung Zwingenberg. Mit dem Zwingenberger Besitz waren um 1700 die Grafen von Wieser belehnt. Um 1720 begann Ferdinand von Wieser die vielen Ortsarmen des Winterhauchs auf seinem Grund und Boden anzusiedeln. Dies um die Gemeinden von den Armenkosten zu entlasten und um Einnahmen, nämlich Zehntabgaben zu erhalten. Er vergab von der Riedsmühle bis zum Plateau der heutigen Max-Wilhelmshöhe Waldparzellen zur Rodung und nannte sie nach seinem Vornamen Unter- und Oberferdinandsdorf. Der Doppelweiler war für etwa 20 Familien konzipiert, allerdings ohne den lebensnotwendigen Gemeindewald für Holz und Weide. Um 1780 ahmte die kurpfälzische Hofkammer auf der Eberbacher Gemarkung „Braunklinge“ dies nach und legte ebenfalls eine Mühle und einige Häuser an. Dieser Teil kam wie die rechte mainzische Seite 1803 an Leiningen, der Zwingenberger Teil 1806 an den Markgrafen von Baden. So gab es nun in Ferdinandsdorf verzwickte Rechtsverhältnisse mit einer kommunalrechtlichen Zersplitterung. Es trat ein starker Bevölkerungszuwachs auf fast 300 Menschen ein, gepaart mit einhergehenden Misernten, Nahrungsmangel und totaler Verelendung. Im Jahre 1851 schob man 47 Ferdinandsdorfer, sofern sie in den Nachbardörfern keinen Unterschlupf gefunden hatten, nach einem Fehlversuch mit 39 Toten, nach Amerika ab. Dort ging es ihnen besser und keiner wollte mehr zurück. Geblieben sind die obenerwähnten Häuser und Reste von Unterferdinandsdorfer Gebäuden, die Lesesteinhaufen sowie der Brunnenschacht.
Beim Gang entlang des alten Ortsweges konnte man die Anlage von Unterferdinandsdorf als Einzelhofreihe gut nachvollziehen, ebenso die Unmöglichkeit auf diesem steinigen und steilen Nordhang eine auskömmliche Landwirtschaft zu betreiben. In Oberferdinandsdorf dagegen waren auf der Ebene die Verhältnisse etwas besser, aber hier gab es kaum Wasser. Aus den Resten von Oberferdinandsdorf ist das Forsthaus an der Max-Wilhelmshöhe gebaut und über diesem Ort soll ein Fluch eines zur Auswanderung gezwungenen liegen.
Selbstverständlich mussten die Ferdinandsdörfer in ihrer Not wildern und Holzfrevel begehen, was zusätzlichen Verdruß brachte. Die leiningenschen Beamten waren so der Meinung, dass die „Bewohner nur durch Freiheitsstrafen und Schanzarbeit zu verbessern seien“. Für sie war „Unterferdinandsdorf als einziger Ort so arm, dass keine Wachen aufgestellt werden mussten“ und zwar, weil es hier nichts zu stehlen gab. Man bezeichnete deshalb solche Orte als „Bettelmanns Umkehr“. Kirchlich gehörten die meist katholischen Bewohner zur Pfarrei Strümpfelbrunn, als Lehrer hatte man einen Schuster. Das Befürwortungs-Originalzitat bei dem Gesuch zur Errichtung eines Schulgebäudes, was 1836 erfolgte, lautet.....“damit die in den Wäldern hier und da verstreute Jugend nicht ferner wie das unvernünftige Vieh erzogen werden möghte.........“. Die Errichtung einer Gaststätte wurde ihnen verwehrt obwohl sie diesmit notwendigem und schnellen Branntweineinkauf bei Erkrankung von Mensch und Tier begründeten.
Kein Wunder wenn in dieser Gegend die ebenso armen Odenwälder Räuber einen sicheren Unterschlupf fanden. Hier konnten sie auch bei vielen Hehlern ihre Waren absetzen und sehr schnell ins benachbarte Galmbach wechseln, was seinerzeit hessisches Ausland war. So verstärkten nach der Zerschlagung der rechtsrheinischen Schinderhannesbande viele Räuber die etwa 150 Mitglieder zählende, immer wieder auseinanderlaufende und zusammenfindende, Odenwälder Bande, unter ihrem Anführer Hölzerlips. Im Odenwald und Bauland begingen sie viele Straftaten, anfangs oft nur Diebereien um satt zu werden, mit der Zeit wurden die Überfälle immer schwerer und dreister. Der Raum Mülben Höllgrund - Reisenbacher Grund -Galmbach war eines dieser Schlupfwinkelgebiete in dem auch das aufgesuchte imposante Felsenhaus liegt. Von hier aus starteten sechs Bandenmitglieder unter Hölzerlips am 28. April 1811 zu einem Raubüberfall an die Bergstraße. In der Nacht zum 1. Mai überfielen sie eine Kutsche, wobei ein Schweizer sein Leben lassen musste. Mit der Zeit wurden viele gefasst und Hölzerlips wurde am 31. Juli 1812 mit drei weiteren Kumpanen in Heidelberg auf dem Marktplatz durch das Schwert hingerichtet. Um Schinderhannes und Hölzerlips, deren Lebenslauf und Lebensverhältnisse viele Parallelen aufweisen, haben sich viele ähnliche Sagen im Odenwald erhalten.
Bei dieser Exkursion bewegte man sich auch auf dem „Holländerweg“ welcher an die Zeiten Anfang des 18. Jhd. als Ferdinandsdorf gegründet wurde erinnert. Damals wurden für die Holländer große alte Eichen geschlagen und nach Eberbach geflößt. Auch den „Eselpfad“ konnte man noch sehen, an welchem früher der Müller seine Ware auf steilem Wege mit dem Esel zum Winterhauch transportierte. Wie Hans Slama in bezug zu den Mühlen erklärte, ist die Mühlengeschichte sehr eng mit der Kulturgeschichte verbunden, wovon auch die Märchen erzählen. Etwas müde, aber um viele Eindrücke und Kenntnisse über die Odenwälder Heimat reicher erfuhren die Teilnehmer noch, dass der Besitzer des Anwesens Schnetz seinen ins mannbare Alter gekommenen Sohn zur Heirat drängte. Hierauf soll dieser geantwortet haben: „Vadder du hosch gut schwätze, du hosch d`Mudder g`heiert, un iich soll e fremms Weibsbild nemme“.
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